Wie der Hund auf die Erde kam
Von der Liebe
Als die Welt laut geworden war und die Herzen sich verirrten, trat Gott an das Fenster der Ewigkeit. Er sah, wie Menschen rechneten, abwogen, Bedingungen stellten. Liebe wurde verdient, verliehen, entzogen. Sie hatte Verträge bekommen und Fristen.
Da seufzte Gott leise und sprach:
„Sie haben vergessen, wie Liebe klingt, wenn sie nichts will.“
Er formte etwas Kleines aus dem Staub der Wege und dem Lachen der Schöpfung. Er gab ihm warme Augen, die nicht urteilen konnten, und ein Herz, das keinen Besitz kannte. Er gab ihm eine Nase, um das Verlorene zu finden, und einen Schwanz, um die Freude zu zeigen.
Und als er fertig war, nannte er es Hund.
„Geh“, sagte Gott, „und erinnere sie.“
Der Hund kam auf die Erde ohne Worte, aber mit einer Sprache, die alle verstanden. Er setzte sich neben Einsame, ohne zu fragen, warum sie allein waren. Er legte den Kopf auf Knie, die müde waren vom Kämpfen. Er bewachte Häuser, nicht weil sie ihm gehörten, sondern weil Liebe wach bleibt.
Wenn Menschen weinten, blieb er.
Wenn Menschen fortgingen, wartete er.
Wenn Menschen versagten, verzieh er – sofort, ohne Erinnerung an den Fehler.
Manche lachten über ihn. Andere sagten, er sei „nur ein Tier“. Doch Gott lächelte, denn er wusste: Die größten Wahrheiten brauchen keine großen Worte.
Ein Kind fragte einmal: „Warum liebt mich mein Hund so sehr?“
Und der Himmel antwortete nicht – aber der Hund wedelte.
In stillen Momenten, wenn niemand hinsah, erinnerte der Hund die Menschen daran, wie Liebe ursprünglich gedacht war:
nicht als Lohn,
nicht als Tausch,
sondern als Geschenk.
Und so geht die bedingungslose Liebe noch immer über die Erde.
Auf vier Pfoten.
Mit schmutzigen Pfotenabdrücken auf sauberen Böden.
Mit einem Platz im Herzen, der größer ist als viele Worte.
Und Gott, der all das sieht, denkt manchmal:
„Vielleicht lernen sie es eines Tages wieder.“
(Karmen Kieslich)
