Der Mythos von Hund und Katze
Liebe & Freiheit
Als die Welt noch jung war, gingen die Menschen aufrecht,doch ihre Herzen waren schwer.
Sie erinnerten sich an vieles – an Werkzeuge, an Wege, an Worte – aber sie vergaßen, warum sie einander brauchten.
Da sah Gott auf die Menschen und sprach: „Sie haben das Feuer der Liebe entfacht, doch sie haben vergessen, es zu hüten.“
Also formte Gott zwei Hüter.
Den ersten formte er aus dem Atem der Erde. Er gab ihm ein Herz, das immer offenstand, und Füße, die folgten, ohne zu fragen.
Und Gott nannte ihn Hund.
Den zweiten formte er aus der Stille der Nacht.
Er gab ihm Augen, die das Unsichtbare sahen, und Schritte, die nur dort gingen, wo sie willkommen waren.
Und Gott nannte sie Katze.
Zu Hund sprach Gott:
„Geh zu den Menschen und erinnere sie an das Band, das trägt. Bleib, wenn sie dich wegstoßen. Liebe, auch wenn sie dich vergessen.“
Zu Katze sprach Gott:
„Geh zu den Menschen und erinnere sie an das Maß. Komm nur, wenn sie still sind. Lehre sie, dass Nähe heilig ist und Freiheit kein Verrat.“
Dann schickte Gott sie gemeinsam in die Welt.
Der Hund ging voran. Wo er lief, wärmten sich Herzen. Er wachte an Türen, die niemand bewachte, und liebte jene, die sich selbst nicht liebten.
Die Katze folgte später.
Sie saß auf Schwellen und wartete. Sie sah durch die Menschen hindurch bis zu dem, was sie verschwiegen. Und wenn sie sich niederließ, wurde der Raum still.
Man sagt: Wo ein Hund lebt, verlernt der Mensch nicht zu lieben.
Wo eine Katze lebt, verlernt der Mensch nicht, sich zu achten.
Und wo beide sind, erinnert sich der Mensch an das, was Gott nie von ihm genommen hat.
(Karmen Kieslich copyright)
